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EHC-Videosprechstunde: Beckmann & Beckers: "Wir brauchen eine Aufweichung der Sektorgrenzen"

24. Februar 2022

Quelle: e-health-com.de - Seit Januar gibt es in Deutschland zum ersten Mal Abrechnungsziffern für eine Telemonitoring-Indikation, die chronische Herzinsuffizienz. Ein Erfolg auf der ganzen Linie oder eher ein erster Schritt, dem weitere folgen müssen? Was entsteht da jetzt in der Versorgung, und welche Erwartungen gibt es an die Ampelkoalition und die Länderregierungen? Dr. med. Hans-Jürgen Beckmann, Vorstandsvorsitzender des Ärztenetzes Medizin und Mehr (MuM) in Bünde, und Rainer Beckers, langjähriges Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin (DGTelemed) geben eine Einschätzung.

Herr Beckmann, wie beurteilen Sie den Status quo bei der intersektoralen Versorgung?

Beckmann: Es gibt regional gut funktionierende Zusammenarbeiten zwischen Netzen und Pflegeheimen oder auch Netzen und Krankenhäusern. In der Fläche arbeiten aber nach wie vor stationäre und ambulante Versorgung aus meiner Sicht nicht Hand in Hand. Insbesondere hat nahezu kein Krankenhausarzt je die Abläufe in der ambulanten Versorgung kennengelernt. Das führt zum Teil zu nicht umsetzbaren Empfehlungen in Entlassbriefen. Auf der anderen Seite werden Patient:innen teils eingewiesen, ohne den stationären Kolleg:innen irgendwelche Informationen zur Verfügung zu stellen. Zusammengefasst: Nach 27 Jahren Tätigkeit in der ambulanten Versorgung sehe ich leider kaum Entwicklung, was die immer wieder beschworene Zusammenarbeit der Sektoren angeht.

Wir reden über Telemonitoring als Werkzeug in der sektorenübergreifenden Versorgung. Herr Beckers, wie sehen Sie, wie sieht die DGTelemed die Entwicklungspotenziale von Telemonitoring?

Telemonitoring wird kein Selbstläufer werden so schnell, trotz der nun glücklicherweise vorhandenen Regelungen. Es wird weiter auf viel Eigeninitiative der Ärztinnen und Ärzte ankommen, teilweise auch der Industrie.

Haben Sie, Herr Beckmann, bei MuM schon Telemonitoring-Erfahrungen gesammelt oder planen Sie derzeit entsprechende Angebote?

Beckmann: Sowohl als auch. Wir hatten im Rahmen unserer Videosprechstunde, die wir 2015 als eines der ersten Ärztenetze in der Bundesrepublik aufgesetzt haben, Telemonitoring-Schnittstellen implementiert. Wir haben dann aber festgestellt, dass die damaligen User:innen damit überfordert waren. Jetzt sind wir sieben Jahre weiter und haben mit dem ZTG ein neues Projekt, das in naher Zukunft an den Start geht, bei dem wir über Smartwatches eine Herzdiagnostik machen wollen. Ein wesentlicher Faktor ist unserer Erfahrung nach, eine koordinierende Stelle zu haben, einen Kümmerer vor Ort, um Patient:innen wie User:innen zu begleiten. Das haben wir über die Jahre gelernt, weshalb wir das jetzt immer als Erstes bei solchen Projekten in Angriff nehmen, bevor wir an die Technik gehen. Wenn das gegeben ist, bin ich sehr zuversichtlich, was künftig die Implementierung von Telemonitoring in der Fläche angeht.

Inwieweit ist denn, um nochmal zur ersten Frage zurückzukommen, Telemonitoring auch eine intersektorale Herausforderung? Wo gibt es bei diesem Thema besonderen Abstimmungsbedarf?

Beckmann: Nehmen wir mal chronische Erkrankungen, das sind alles Krankheiten mit hoher Komplexität und entsprechenden Anforderungen an die technischen Versorgungsstrukturen. Diese stehen in der Regel in Krankenhäusern zur Verfügung. Auf der anderen Siete suchen die Patient:innen aber primär ihre niedergelassen Haus- oder Fachärzt:innen auf. Wer geht schon gern ins Krankenhaus? Hier ist einfach intersektorale Abstimmung gefragt, gerade beim Telemonitoring. Ein Beispiel: Wenn Niedergelassene auf dem kurzen Dienstweg die telemetrisch gewonnenen Daten ans Krankenhaus übertragen können, dann aber auch sofort die Auswertung dieser Daten zur Verfügung gestellt bekommen, dann ist das einfach sehr hilfreich und klärt schnell wichtige Fragen. Viele der bisherigen Telemonitoring-Projekte kommen aus Kliniken und sind zum Teil sehr komplex angelegt. Und da sagt uns unsere langjährige MuM-Erfahrung: Je komplizierter, umso geringer die Chance, dass so etwas auf die Straße kommt. Das was da aufgesetzt wird, muss einwandfrei funktionieren und es muss für alle Beteiligten einfach zu bedienen sein. Das sind Herausforderungen, die kann nicht der eine oder der andere Sektor lösen, das müssen wir gemeinsam angehen.

Wie sehen Sie aus Ärztenetzsicht die neuen Regelungen zum Telemonitoring? Helfen die Ihnen?

Beckmann: Grundsätzlich ist es erst einmal großartig, dass G-BA und Bewertungsausschuss überhaupt so einen Ziffernblock geschaffen haben. Sie senden damit ein Signal, dass weitere Digitalisierung für nötig und sinnvoll gehalten wird. Die Ziffern für Zuweiser:innen und das Telemedizinzentrum (TMZ) sind in ihrer Höhe sehr unterschiedlich, aber ich sehe schon den großen technischen Aufwand in den TMZ, weshalb ich das für gerechtfertigt halte. Wichtig ist, dass es ein offenes System wird, sodass auch zum Beispiel ambulante kardiologische Großpraxen die Möglichkeit bekommen, daran teilzunehmen.

Beckers: Im Moment müssen wir feststellen, dass diejenigen, die das Telemonitoring in den letzten 20 Jahren aufgebaut haben, nämlich die Krankenhäuser, in die Röhre gucken. Sie werden von dieser Vergütung erst einmal nicht profitieren können. Insofern war ich angesichts der Tatsache, dass wir im stationären Bereich schon entsprechende Strukturen haben, etwas enttäuscht. Was die Vergütungsziffern angeht, glaube ich, dass die Aufgabenverteilung zwischen einem TMZ und dem persönlichen, betreuenden Arzt sinnvoll dargestellt ist. Die eingeplanten Infrastrukturkosten sind eher zurückhaltend kalkuliert, es geht ja immerhin um drei Devices plus telemedizinische Patientenakte. Klar ist, Telemonitoring wird kein Selbstläufer, der auf Knopfdruck gestartet werden kann. Wenn wir mit diesen Tools das Schicksal der chronisch Kranken verbessern wollen, was möglich ist, dann brauchen wir auch eine Anerkennung der koordinierenden Leistung. Und das scheint mir zu fehlen.

Beckers: Unsere These ist: Telemonitoring ist keine neue medizinische Methode, sondern es ist eine Prozessverbesserung. Wir waren glaube ich in Deutschland die ersten, die sich vor vielen Jahren in die Öffentlichkeit so positioniert haben. Wir machen mit Telemonitoring keine neue Medizin, sondern wir sagen: Wenn die Medizin gute Gründe hat, dass das Beobachten von Vitalwerten sinnig ist, dann muss das nicht noch mal neu überprüft werden, nur weil ich ein digitales Verfahren einführe. Der G-BA mit seinen, wie ich finde, sehr zeitintensiven Entscheidungsverfahren ist berechtigterweise für riskante, neue medizinische Prozeduren die richtige Einrichtung, aber wenn es darum geht, Prozessoptimierung zu unterstützen, brauchen wir dieses zeitaufwendige Verfahren nicht.

Was wäre eine Alternative?

Beckers: Wir sollten darüber nachdenken, Telemonitoring in die digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) zu integrieren. Wir könnten einen „Fast Track“ für Telemonitoring bauen nach dem Vorbild der DiGA oder beides vielleicht sogar noch enger verzahnen. Ein anderes Thema sind die Disease-Management-Programme. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass man als ersten Schritt die Digitalisierung der DMP beim Vitalwerte-Monitoring zumindest nicht mehr verbietet, sondern den Akteur:innen eine Wahlfreiheit schafft. De facto ist digitales Vitalwerte-Monitoring im DMP heute verboten. Wünschen würde ich mir, dass bei den DMP eine Vergütungsaufwertung für die Digitalisierung vorgesehen wird, orientiert am zusätzlichen Nutzen und den Einspareffekten.

Wie sehen Sie eine beschleunigte Zulassung des Telemonitorings mit möglicher Integration ins DMP, Herr Beckmann? Beim G-BA liegt ja aktuell auch das DMP Herzinsuffizienz zur Bewertung und Freigabe. Halten Sie die Integration von Telemonitoring, DMP und DiGA für ein zukunftsweisendes Konzept?

Beckmann: Grundsätzlich wäre ein beschleunigtes Verfahren für die Zulassung von Telemonitoring zu begrüßen. Wir haben einfach Nachholbedarf im internationalen Vergleich. Aber das jetzt in die DMP zu implementieren und damit die Regeln des DMP zu erweitern, wird so lange nicht funktionieren, wie es nicht eine vernünftige Refinanzierung dafür gibt. Ich sehe primär keine Zeitersparnis in den Praxen, die DMP sind ohnehin schon extrem aufwändig. Da jetzt das Telemonitoring zusätzlich reinzuschreiben, wird eine bessere und dichtere Überwachungsmöglichkeit bringen, aber keine Zeitersparnis. Es wird nicht reichen zu sagen: Wir erweitern jetzt die DMP um das Telemonoitoring. Man muss den Aufwand, der damit verbunden ist, zumindest in den ersten Jahren in irgendeiner Form refinanzieren. Wir sind damit aber bei einem grundsätzlichen Problem der Projektfinanzierung im Gesundheitswesen, ob die Projekte nun digital sind oder analog. Solange wir eine duale Finanzierung haben, kommen wir immer an den Punkt, an dem der eine oder andere sagt, wir sind nicht mehr zuständig. Wir brauchen eine Aufweichung der Sektorengrenzen, und da ist die Politik gefordert. Wenn wir aufhören würden, das Geld immer aus verschiedenen Töpfen zu holen, würde das die Implementierung solcher Technologien fördern.

Der Koalitionsvertrag der Ampelkoalition gibt dafür ja zumindest ein paar Ansatzpunkte, Stichworte Regionalisierung und auch Hybrid-DRGs. Ein Weg?

Beckers: Ich kann mir das sehr gut vorstellen. Wir sollten nur nicht den Fehler machen, die Hybrid-DRGs so zu definieren, dass einfach beide Seiten sie abrechnen dürfen. Für mich ist eine Hybrid-DRG eine Abrechnungsziffer, die in gemeinsamer Verantwortung abgerechnet wird, durchaus mit regionaler Differenzierung, weil die Strukturen nicht überall gleich sind. Das wäre mein dringender Appell. Zusätzlich würde ich mir wünschen, dass gute Arbeit, dass Qualität honoriert wird, zum Beispiel wenn mit Telemonitoring die Nachsorge optimiert wird. Das ist nicht immer unkompliziert, und es sollte dann auch belohnt werden.

Herr Beckmann, was wünschen Sie sich von der neuen Bundesregierung an konkreten Impulsen?

Beckmann: Ich kann das, was Herr Beckers gesagt hat, nur unterstreichen. Ich kann da auch ein bisschen Sorgen nehmen. Wir leben als Chirurg:innen auch im ambulanten Bereich seit Jahrzehnten DRG-ähnliche Strukturen, wo Honorare zwischen verschiedenen Leistungserbringern ohne Streit aufgeteilt werden. Das wäre sicher eine gute Sache, um komplexere Telemonitoring-Projekte auf die Straße zu bringen. Generell würden wir niedergelassenen Ärzt:innen uns von der Ampel-Koalition eine schnellere Implementierung von Innovation wünschen, nicht Prozesse, die Jahre und Jahrzehnte für die Abstimmung brauchen. Wichtig wäre mir außerdem das Thema Entbürokratisierung: Wir sollten einen moderaten Datenschutz betreiben und nicht damit immer erstmal alles aushebeln. Und dann brauchen wir eine Stärkung der regionalen Versorgung und der Ärztenetze, denn, und das können wir belegen mit etlichen Projekten in Bünde, Sie es brauchen einen Kümmerer vor Ort. Und wenn uns da die Politik unterstützen könnte, wäre das klasse.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von e-Health-com

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